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THEMA: Firma Grünenthal will vom Contergan-Skandal nichts mehr wissen

Firma Grünenthal will vom Contergan-Skandal nichts mehr wissen 24 Apr 2013 18:52 #31221

  • Braunauge
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www.neues-deutschland.de/artikel/819776....nung-ohne-wirtz.html

Rechnung ohne Wirtz
Firma Grünenthal will vom Contergan-Skandal nichts mehr wissen
Wenn der Bundestag heute höhere Renten für die etwa 2500 Contergan-geschädigten Menschen in Deutschland beschließt, so ist das den hartnäckigen Bemühungen der Opfer dieses Arzneimittelskandals zu verdanken. Die Verursacher sind fein raus.

Eine Rente von maximal 6912 Euro sollen künftig jene Menschen bekommen, die seit über 50 Jahren mit fehlenden oder verkürzten Gliedmaßen leben und infolge ihrer Behinderung erhebliche gesundheitliche Folgeschäden erlitten. Ohne Hilfe und Assistenz können sie gar nicht am Leben teilhaben. Organisieren mussten sie sich die benötigte Unterstützung bisher mit maximal 1152 Euro im Monat. Ein selbstbestimmtes Leben sei damit nicht möglich, so Christian Stürmer vom Contergannetzwerk Deutschland e.V. Seine Organisation hatte im vergangenen Jahr Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht.

Allein die Pflegekosten für einen Menschen, der weder Arme, noch Beine hat, belaufen sich auf rund 12 000 Euro - im Monat! Bis zur Mitte des Jahres 2008 betrugen die monatlichen Renten der Contergan-Opfer sogar nur höchstens 545 Euro monatlich. Und den wenigsten Betroffenen gelang eine solche Karriere wie dem Bassbariton Thomas Quasthoff oder der Moderatorin Bettina Eistel, die 2004 bei den Paralympics in Athen als Dressurreiterin eine Medaille gewann. Zwei Drittel der Geschädigten sind gänzlich oder teilweise erwerbsunfähig. Die Ursache des Problems: Contergan, eine Arznei gegen Schlafstörungen mit dem Wirkstoff Thalidomid, die von der Firma Grünenthal 1957 auf den Markt gebracht und erst 1961 verboten worden war.
Zahlen und Fakten zu Contergan-Geschädigten

● Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid war am 1. Oktober 1957 von Grünenthal als Schlafmittel auf den Markt gebracht worden. Es war lange rezeptfrei erhältlich. Weltweit kamen 10 000 Kinder zum Teil schwer fehlgebildet zur Welt, oft fehlten Arme oder Beine.

● Der Prozess gegen Grünenthal wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung begann im Januar 1968 vor dem Landgericht Aachen. Angeklagt waren der Eigentümer Hermann Wirtz sowie mehrere führende Angestellte. Verurteilt wurde jedoch niemand. Nach 283 Verhandlungstagen stellten die Richter das Strafverfahren wegen geringfügiger Schuld der Angeklagten und mangelnden öffentlichen Interesses ein.

● Sowohl in den USA als auch in der DDR wurde Thalidomid als Arzneimittel nicht zugelassen. In beiden Ländern erhärtete die unzureichende Dokumentation über die Ergebnisse der toxikologischen Tests bei den Fachleuten den Verdacht mangelnder Sicherheit. Dennoch gab es auch in der DDR einige Conterganopfer, denn einige Frauen kauften sich Contergan im Westen oder ließen sich das Mittel mitbringen.

● 2006 beendete der Regisseur Adolf Winkelmann die Dreharbeiten zu seinem Film »Nur eine Tablette« über die Geschichte des Conterganskandals. Am letzten Drehtag erhielt er eine einstweilige Verfügung der Firma Grünenthal, die vor der Ausstrahlung Änderungen vornehmen wollte. »Grünenthal möchte die Deutungshoheit über die Geschichte behalten. Da soll niemand anders seine Finger reinstecken«, meinte er damals gegenüber »nd«. Der Film wurde ausgestrahlt und einige Monate darauf wurden die Contergan-Renten verdoppelt.

● Die Universität Heidelberg hatte im vergangenen Jahr 870 Contergan-Geschädigte nach den Folgeschäden ihrer Behinderungen befragt. Vielfach schilderten die Betroffenen körperliche Schädigungen und Schmerzzustände. Zudem plagt sie häufig die Angst vor einer zunehmenden Abhängigkeit von anderen Menschen. Die Gerontologen kommen in ihrem Abschlussbericht vom Dezember 2012 zu dem Ergebnis, dass die Betroffenen in vielen Bereichen unterversorgt seien.



Contergan wurde gezielt als Beruhigungsmittel für Schwangere beworben, doch es stellte sich heraus, dass bereits eine einzige Tablette das Wachstum der Föten behindern, ja sie sogar töten konnte. Man spricht von etwa 2000 Todesfällen und schätzungsweise 10 000 Kinder wurden mit schweren Missbildungen geboren, 5000 davon in Deutschland. Etwa die Hälfte ist schon verstorben.

Die Eigentümer des Pharmaunternehmens Grünenthal, die Familie Wirtz, taten sich von Anfang an schwer mit der Aufarbeitung dieser schrecklichen Ereignisse, die als größter Medizinskandal in die Geschichte der Bundesrepublik eingingen. Sie reagierten nach Meinung zahlreicher Experten spät, als sich die Folgen des Arzneimittels auf ungeborene Kinder abzeichneten. Sie stahlen sich aus der finanziellen Verantwortung, indem sie sich durch die Zahlung von rund 110 Millionen Euro in eine Stiftung von weiteren Verpflichtungen frei kauften. Seit 1997 ist die Bundesrepublik allein verantwortlich für die Renten der Opfer des Contergan-Skandals. Kontaktversuche Geschädigter mit den Verursachern liefen bis vor Kurzem meistens ins Leere und noch vor wenigen Jahren versuchte die Familie Wirtz, die Ausstrahlung eines viel beachteten Spielfilms mit dem Titel »Nur eine Tablette« über die Geschichte des Contergan-Skandals mit gerichtlichen Mitteln zu verhindern. Das alles sagt viel über die Bereitschaft der Firma, Verantwortung für diesen folgenschweren Abschnitt ihrer Geschichte zu übernehmen. Im übrigen erzielt Grünenthal heute mit Medikamenten, das sind vor allem Schmerzmittel, Jahresumsätze von etwa einer Milliarde Euro. In der Liste des »Manager-Magazins« der reichsten Deutschen stand die Familie Wirtz im vergangenen Jahr mit einem geschätzten Vermögen von 2,5 Milliarden Euro auf Platz 43. Die Familie ist angesehen. Der Geschäftsführer der zweiten Generation, Michael Wirtz, war viele Jahre Präsident der Industrie- und Handelskammer Aachen und ist jetzt noch Ehrenpräsident. Bekannt ist der 74-Jährige für sein soziales Engagement in Ecuador und in der Palliativmedizin. Im Fall Contergan hat er jedoch stets abgewiegelt.

So ist nun eben der Steuerzahler in der Pflicht und die Rechnung wird ohne Wirtz gemacht. Rechtlich ist dem nicht beizukommen. Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Errichtung der späteren Contergan-Stiftung 1972 erloschen alle etwaigen Schadenersatzansprüche an das Unternehmen. Die alleinige Verantwortung ging auf den Staat über. Ob das moralisch in Ordnung geht, bezweifeln indes viele. Dem Bund entstehen Mehrkosten in Höhe von rund 120 Millionen Euro jährlich.

Dass das Pharmaunternehmen Grünenthal außen vor bleibt, findet der Bund Contergangeschädigter (BCG) befremdlich. Die Politik solle die Eigentümerfamilie Wirtz auffordern, sich an den Kosten zu beteiligen, heißt es vom Opferverband. Ähnlich hatte das die SPD-Abgeordnete Christel Humme bei der ersten Lesung des Gesetzesentwurfs im Bundestag formuliert: »Auch wenn die Firma Grünenthal rechtlich nicht dazu verpflichtet ist, so bin ich persönlich davon überzeugt, dass es hier eine moralische Verpflichtung gibt.« Die Vorsitzenden des Bundesverbands Contergangeschädigter, Margit Hudelmaier, wird da schon deutlicher. Grünenthal sei es gelungen, den Schaden hinter sich zu lassen, kritisiert sie. Für das Unternehmen gebe es über die Rentenzahlungen hinaus noch genügend Spielraum, sich zu engagieren.
Grüsse Euch

Braunauge
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